Fantasy-Literatur: Studien, Essays, Betrachtungen

Wenn wir bedenken, dass wir alle verrückt sind, ist das Leben erklärt.
Mark Twain

Wenn wir lesen, erfreuen wir uns nicht nur an den Worten des Autors, wir kommunizieren mit seinem Verstand (Martin Amis, The War Against Cliché, 2001). Geht es dabei um phantastische Literatur, ganz allgemein um Fantasy, dann nehmen wir an seinen Träumen, Visionen und an seiner Imagination teil. Aber auch an seiner Originalität, seiner Weltsicht und in gewisser Weise auch an seiner Ver-Rücktheit. Wie Tassen, die in einem Schrank aus ihrer Ordnung gerückt werden, so verrückt ein Autor phantastischer Texte die Perspektive des Lesers auf dessen Realität und Gegenwart. Da Träume und Visionen ins Unendliche reichen, sind die Gründe der Phantasie nur dort unauslotbar.[1]

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Mál er pylja

Rituelle Rede in altnordischer Dichtung

In der altnordischen Kultur waren Spezialisten mit dem Umgang besonderer Textsorten betraut, die ein sekundäres modellbildendes System auf der Grundlage einer formal gebundenen Sprache pflegten. Diese Funktionsträger komponierten und überlieferten poetische Texte, deren Fragmente größtenteils in den unterschiedlichen, auf mittelalterliche Handschriften zurückgehenden Sammlungen der Lieder-Edda oder Eddica Minora zusammengefasst sind, die als sogenannte lose Strophen Fornaldarsögur und Íslendingasögur schmücken oder als Preislied und Preisdichtung in den aristokratischen Kreisen der altgermanischen Kulturen vorgetragen wurden.
Obwohl es sich bei diesen Texten um äußerst unterschiedliche Genre, auch um formal sehr verschieden komponierte Dichtungen handelt und die einzelnen Kompositionen zeitlich weit auseinanderliegen können, sind diese Gattungen doch durch ihre kunstvolle, formal gebundene Sprache als altnordische Dichtung vereint.
Gegenstand dieser Arbeit ist es, nachzuweisen, dass die altnordischen Dichtungen die im Mittelalter verschrifteten Versionen ehemals im Ritual mündlich komponierter und vorgetragener Dichtungen sind.

 

für die vollständige Studie:

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Odysseus, Kassandra und der Heilige Geist

Die Psychologie in der Mythologie der Antike

Die Welt der griechischen Antike und eines großen Teils außereuropäischer Kulturen ist unberechenbar von ergreifenden Atmosphären durchzogen. Diesem Gedanken zu folgen dienen die mythischen Protagonisten Odysseus und Kassandra. Meine Studie Odysseus, Kassandra und der Heilige Geist greift die Thematik dieser leiblich spürbaren Atmosphären auf, deren Autorität, wie Hermann Schmitz es nennt, für jeden den Gipfel unbedingten Ernstes erreicht. Der Gipfel des unbedingten Ernstes ist die beinahe charismatische Autorität des Göttlichen, der der sich der Mensch, trotz seines Vermögens sich zu distanzieren und Kritik zu üben, bewusst unterwirft.

Den Menschen ergreifende Gefühle können folglich als bestimmte Personen, als Götter, in Erscheinung treten. Zu bestimmten Zeiten, an bestimmten Orten und in bestimmten Situationen werden quasi in der Luft liegende Atmosphären als Gefühle erfahren. In der Auseinandersetzung des Menschen mit diesen Atmosphären können sich diese zu Personen verdichten. Das Numinose, das Rudolf Otto beschrieben hat, ist eine solche göttliche Atmosphäre für jeden, dem sie widerfährt und zugleich ein typisches Vorgefühl der göttlichen Gefühle in ihrer unermesslichen Vielgestaltigkeit.

Unverkennbar in der Flut der Fantasy- und Science Fiction-Literatur oder in zahlreichen Computerspielen, die ihre Inspiration eindeutig der Mythologie verdanken, zeigt sich ein unstillbarer Hunger nach Bildern und Symbolen, die die Sinndiskussion der rezenten westlichen Kulturen schon lange nicht mehr befriedigen kann. Die moderne kapitalistische Ethik mit ihrer einseitig rationalistischen Weltauffassung, der der moderne Mensch unterworfen ist, hat inzwischen dazu geführt, dass diesem kaum noch eigene Bilder aus dem Unbewussten entgegenwachsen. Programmiertes Heldentum ist gefragt, damit berechenbare und vorausplanbare Identifikationen entstehen können, die, medial gesteuert, zu normiertem Erleben und Erfahren führen. Ein reduziertes Angebot an Geschichten und Bildern, die die aus dem kindlichen Unbewussten strömenden Symbole individuell mit Leben erfüllen, und dem heranreifenden Menschen eine angemessene Realitätsprüfung erlauben, steht eine wachsende Flut von medial konstruiertem Bildmaterial gegenüber, das jegliche Phantasie im Keim erstickt.

Sache des Mythos ist die Darstellung, ein Hörbarmachen atmosphärischer Qualitäten. Mythos ist Aussage, ist verlässlicher Bericht über das im Atmosphärischen Gespürte, Erblickte und Gehörte, das räumlich ausgegossen in die menschliche Erfahrung hereinbricht. Mythische Erzählungen sind immer ein hinweisendes Sprechen, ein Sprechen, das helfen soll, in der Wirklichkeit einen bestimmten Gott als solchen zu erkennen, deshalb wird erzählt, wie er anderen begegnet ist.

Mythen beruhen auf der Erfahrung der Wirkung göttlicher Kräfte auf den Menschen, und auf der Nutzbarmachung der damit verbundenen Energien durch ihn. Sie zeugen vom Gespräch mit den Göttern. Begegnungen dieser Art erlebt der Mensch als emotional ergreifend und numinos; die Auseinandersetzung mit seiner Ergriffenheit führt den sinnsuchenden Menschen zur mythischen Gestaltung und unterscheidet diese von rein dichterischer Phantasie und Fiktion. Das hinweisende Sprechen der Mythen hat allerdings konjunktivischen Charakter – es verweist allein auf die jeweils mögliche eigene Erfahrung mit dem Göttlichen. Nur gemessen an solchen Erfahrungen gewinnen mythische Erzählungen sinn- und identitätsstiftende Glaubwürdigkeit und Legitimität, stabilisieren sie die Weltanschauung einer Gemeinschaft. Den Mythos richtig aufgefasst bedeutet allerdings das Zugeständnis, dass die Götter Voraussetzung, nicht nur Gegenstand der mythischen Rede sind. Übersinnliche Erfahrungen müssen erst gemacht werden, Göttern muss man erst begegnen, bevor von ihnen erzählt werden kann. Der Mythos endet da, wo unmittelbare atmosphärische Erfahrungen nicht mehr stattfinden, wo eine dogmatische Theologie nach dem An-Sich-Sein mythischer Protagonisten fragt, wo starre Theorie an die Stelle dynamischer Erfahrung tritt.

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Literatur und Mythologie

Die Studie Literatur und Mythologie geht der Frage nach, warum es sich bei der altgermanischen Mythologie, in der Form, in der sie uns heute vorliegt, um fiktive Literatur handelt, deren Inhalte inzwischen durch so viele schreibende Hände gegangen sind, dass von ihren ursprünglichen Gehalt nur noch Fragmente übrig geblieben sind, die ihre archetypischen Motive weiter ausstrahlen. Immer noch besitzen die durchschimmernden Mythenreste die Ausstrahlung und Faszination, die ihre Schöpfer einst in ihnen verwoben haben.

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Kote und Kvothe

Erzähltextanalyse der Königsmörder-Chronik von Patrick Rothfuss

Bei einer Chronik handelt es sich um eine Geschichts-Prosa, die historische Ereignisse in zeitlicher Reihenfolge geordnet darstellt. Chroniken reichen von knappen, reinen Datenlisten bis zu ausführlichen Schilderungen für einzelne Jahresereignisse und wie bei der Fantasy-Erzählung dieser Studie auch um individuelle Biographien mit Herkunfts- und Familienhintergrund. Nicht verschwiegen werden darf, dass Chroniken immer fiktive Texte sind, selbst so historisch bedeutende Texte wie die Germania oder die Annalen des Tacitus, die Angelsächischen Chroniken oder die Gesta Danorum des Saxo Grammaticus.
Eine berühmte Chronik der neueren Fantasy-Literatur ist der Lebensbericht von Fitz Chivalric Weitseher, [1] in der ein Ich-Erzähler seine Biographie mit der Geschichte der Weitseher-Dynastie und des Königreichs der sechs Provinzen verwebt. Robin Hobb bedient sich in ihrer Weitseher-Serie des Ich-Erzählers, Fitz Chivalric Weitseher, der seiner Lebensgeschichte einen Kommentar vorausschickt, in dem er auf seine besondere Herkunft hinweist.

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Omenvögel und Psychic Birds

Vögel als Bewusstseinshaber in postmoderner Fantasy

Die Frage, ob Tiere ein Bewusstsein haben, ist vermutlich so alt wie die Domestizierung des Wolfs durch den Menschen im Paläolithikum. Postmoderne Fantasy-Erzähler thematisieren diese Frage auf ihre Weise, indem sie die Beziehung des Hauptprotagonisten zu Vögeln in den größeren Zusammenhang seiner Beziehung zu seiner natürlichen Umwelt und seinem kulturellen Überzeugungssystem stellen.

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