Tolkien Reloaded 2

J.R.R. Tolkien – Die Legende von Sigurd und Gudrún

Die eddischen Verse über Sigurd und Gudrún, die Völsunga saga, das Nibelungenlied: Es gibt keine andere Saga, die für Nordeuropäer so wichtig ist, ebenso wichtig wie es Ilias und Odyssee für die Antike waren.

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Ein neu entdeckter Tolkien? Eher nicht, sondern eine weitere postume Publikation eines der frühen Werke aus dem reichen Nachlass eines Autors, der sein Leben der nordischen Sprache und Mythologie verschrieben hat: J.R.R. Tolkiens Version der großen Sage der nordischen Welt.
Die Herausgabe dieser Versdichtung (2009 / 2010) ist eine enorme editorische Leistung. Die beiden Versepen von J.R.R. Tolkien, die in diesem Buch enthalten sind, wurden von Tolkiens Sohn Christopher erst 2009 im englischen Original herausgegeben. Christopher Tolkien hat außerdem sehr frühe Dokumente, Vorträge und Vorlesungen seines Vaters zur altnorwegischen und altisländischen Literatur einbezogen, um einordnen zu können, was sein Vater mit den beiden Versepen eigentlich bezweckte. Und er hat den Band mit einem umfangreichen Kommentaren versehen.

Synopsis

Die Legende von Sigurd und Gudrún erzählt die Geschichte von Sigurd, dem Drachentöter, von dessen Vorfahren und vom Schicksal seiner Frau Gudrún.

Die drei Asen Ódin, Loki und Hönir kommen zu einem Wasserfall, an dem der Zwerg Andwari lebt. Dort fischt ein Otter nach Lachs. Loki wirft einen Stein nach dem Otter, tötet diesen dadurch und zieht ihm das Fell ab. Später bitten die Asen bei Hreidmar um Quartier und zeigen ihm das Fell. Doch der Otter war Hreidmars Sohn, der zum Fischen die Gestalt eines Otters angenommen hatte. Erzürnt nehmen Hreidmar und dessen Söhne Fáfnir und Regin die Asen gefangen und fordern für deren Freilassung, dass das Fell des Otters mit Gold gefüllt und bedeckt werde. Loki darf das Gold besorgen. Er fängt dazu mit dem Netz von Rán, der Frau des Meeresgottes, den Zwerg Andwari, um diesem dessen Goldschatz abzupressen. Andwari gibt all sein Gold, möchte aber heimlich einen goldenen Ring behalten. Loki fordert aber auch den Ring und Andwari belegt ihn heimlich mit einem Fluch, bevor er den Ring widerwillig hergibt. Mit all dem Gold erkaufen sich die Asen ihre Freiheit, doch liegt nun auch der verfluchte Ring in dem Schatz.

Sigurd stammt aus dem Geschlecht der Wölsungen. Sein Vater ist König Wölsung, ein Abkömmling von Ódin. Sigmund und Signy sind Wölsungs Kinder. Gegen ihren Willen wird Signy mit Siggeir, dem König von Gautland, verheiratet. Auf dem Hochzeitsfest erscheint Ódin, der ein mächtiges Schwert in einen Baumstamm stößt. Jeder darf versuchen, es herauszuziehen und damit Ódins mächtige Waffe zu behalten. Doch trotz vieler Versuche gelingt es nur Sigmund, das Schwert zu nehmen. Siggeir aber begehrt das Schwert und verlangt es, doch Sigmund gibt es nicht her und so beginnt der Hass zwischen den beiden zu keimen. Als später im Jahr die Wölsungen in Siggeirs Reich kommen, um dort ein Fest zu feiern, lauern Siggeirs Männer bereits im Hinterhalt. König Wölsung stirbt, Sigmund und dessen neun Brüder werden im Wald gefesselt. Nacht für Nacht kommt eine große Wölfin und tötet einen der Brüder, bis nur noch Sigmund am Leben bleibt. Diesem gelingt es, die Wölfin zu töten und sich zu befreien. Signy, die Schwester von Sigmund und Frau von Siggeir, schwört, Rache für den Tod ihrer Brüder zu nehmen und tauscht die Gestalt mit einer Zauberin. In Signys Gestalt schläft die Zauberin drei Nächte bei Siggeir. Signy aber schläft drei Nächte in Gestalt der Zauberin bei ihrem Bruder Sigmund -ihren Sohn nennen sie Sinfjötli. Sigmund und Sinfjötli, der Sohn von Bruder und Schwester, laufen ziellos durch die Wälder und Jahre später nehmen sie die Rache, die Signy geschworen hatte: Siggeirs Halle wird niedergebrannt und Siggeir selbst getötet.

Sinfjötli stirbt später aber auch und Sigmund nimmt sich in hohem Alter eine Frau namens Sigrlinn. Und es kommt zu einer Schlacht, in der Ódin seinen Speer gegen Sigmunds Schwert erhebt. Das Schwert, welches Sigmund einst aus dem Baumstamm gezogen hatte und das ein Geschenk Ódins war, zerbricht und liegt in Stücken. Sigmund stirbt, doch hinterlässt er die Bruchstücke des Schwertes und einen ungeborenen Sohn, Sigurd, der in Sigrlinns Leib heranwächst.

Sigurd wächst bei Regin, dem Bruder von Fáfnir und Sohn von Hreidmar, auf. Dort erfährt Sigurd von dem Gold, das die drei Asen einst an Hreidmar gezahlt hatten und das Andwaris verfluchten Ring enthält. Und Regin flüstert Sigmund ein, dass Fáfnir deren Vater Hreidmar tötete und sich in Gestalt eines Drachen mit dem Schatz versteckt habe. Angestachelt von Regin ziehen sie los, um den Schatz zu erbeuten. Mit Gramr, dem Schwert, das aus den Bruchstücken von Sigmunds Schwert neu geschmiedet wurde, ersticht Sigurd den Drachen. Doch Regin hat eigene Pläne und begehrt den Schatz für sich alleine. Sigurd aber erkennt den Verrat und erschlägt auch Regin.

Der Goldschatz ist nun also in Sigurds Besitz und als Sigurd zum Berg Hindarfell kommt, erblickt er einen Feuerring, in dem ein Ritter schläft. Als Sigurd dessen Helm hebt, erkennt er, dass es eine Frau ist: Brynhild. Sie ist eine Walküre, eine Kämpferin Ódins, die von Ódin in einen magischen Schlaf gelegt wurde. Er erweckt sie und beide schwören sich ewige Treue. Doch zunächst ziehen beide getrennter Wege: Brynhild in ihr eigenes Land und Sigurd in das Land der Nibelungen am Rhein. Der Nibelungenkönig ist Gjúki. Dessen Frau Grimhild ist bewandert in dunkler Magie und als sie Sigurd in seiner Macht und Pracht sieht und auch noch von dessen unermesslichem Goldschatz erfährt, denkt sie an ihre Tochter Gudrún. Sigurds Gedanken kreisen aber einzig um dessen geliebte Brynhild. Ein dunkler Trank wird von Grimhild gebraut, ein Trank des Vergessens. Sie gibt Sigurd davon und er verliert all seine Erinnerungen an Brynhild und heiratet Gudrún.

Treueeide werden geleistet, als Sigurd und Gudrún heiraten. Nicht nur der Eid der Ehe, auch Blutsbruderschaft zwischen Sigurd und Gudrúns Brüdern Gunnar und Högni soll bestehen. Grimhild schmiedet indessen weitere Pläne, ihren Sohn Gunnar möchte sie vermählt sehen. Sie erzählt Gunnar von Brynhild und überzeugt Sigurd, dass beide zu Brynhild reisen und Sigurd Gunnars Werben um Brynhild unterstützten möge. Brynhilds Hallen sind von einem mächtigen Feuerring umgeben, der geschaffen wurde, um alle Ankömmlinge außer Sigurd abzuhalten. Gunnar kann nicht durch den Ring aus Feuer, doch Grimhild hat eine List vorbereitet. Durch ihre Zauberei tauschen Sigurd und Gunnar die Gestalt, so dass Sigurd in Gunnars Gestalt den Feuerring durchqueren und zu Brynhild vordringen kann. Brynhild ist an ihren Eid gebunden, denjenigen zu ehelichen, der den Feuerring durchschreitet. Sie teilen das Bett und Sigurd, immer noch in Gestalt Gunnars, tauscht heimlich den Ring an Brynhilds Finger gegen den verfluchten Rings aus Andwaris Schatz. Später hält sich Brynhild an ihren Eid und heiratet Gunnar.

Doch am Hof der Nibelungen erfährt sie von der Täuschung, sieht ihren ehemals eigenen Ring an Gudrúns Finger und nimmt Rache. Gunnar gegenüber behauptet sie, Sigurd habe mit ihr geschlafen und daraufhin ist Gunnar erzürnt. Gebunden an seinen Treueeid zu Sigurd, beauftragt er seinen Halbbruder Gothorm, Sigurd zu töten. Sigurd stirbt durch Gothorms Hand. Brynhild wählt den Freitod. Zurück bleibt Gudrún in ihrer Verzweiflung.

Der König der Hunnen ist Atli und er hört von dem Schatz, der nun im Besitz der Nibelungen liegt. Aus Furcht vor einem Angriff der Hunnen fasst Grimhild den Plan, die Schöhnheit ihrer Tochter Gudrún auszunutzen. Gudrún, noch voller Trauer alleine in den Wäldern lebend, soll mit Atli verheiratet werden. Durch Einschüchterung willigt Gudrún widerwillig ein und wird Atlis Frau. Frieden wird geschlossen, der Schatz scheint den Nibelungen zu bleiben. Atli ist begeistert von Gudrún, er begehrt sie – doch größer ist seine Gier nach dem Schatz. Und Gudrún erahnt seine Gier und warnt ihre Brüder. Doch als Atli zu einem Fest in seiner Reich einlädt, reisen Gunnar und Högni mit wenigen Männern dorthin. Gemeinsam mit den Gauten in Atlis Festung erobern sie die Burg, doch als sie Atli in ihrer Gewalt haben, bittet Gudrún darum, ihn freizulassen. Atli holt Nachschub an Truppen. Er belagert seine eigene Burg, setzt sie in Brand und nimmt Gunnar und Högni gefangen. Den Schatz der Nibelungen verlangt Atli für das Leben von Gunnar und Högni, doch diese geben das Versteck des Schatzes nicht preis. Beide werden getötet und Gudrún nimmt grausame Rache: sie tötet zunächst ihre beiden Kinder, dann ihren Mann Atli und schließlich sich selbst.

Hintergrund

Mit Die Legende von Sigurd und Gudrun legt Christopher Tolkien ein weiteres Werk seines Vaters vor, dass schließlich zu dessen großen Romantrilogie Der Herr der Ringe geführt hat. Mit diesem Werk schließt Tolkien noch postum eine Lücke in der Überlieferung der germanischen oder altnordischen Mythen.

Für Tolkien enthielten die Dichtungen der Edda und der Völsunga saga für die moderne Zeit wichtige identitätstiftende Mythologeme. Während sich die Fachwelt mit den vielen Textvarianten und immanenten Widersprüchen des Stoffes beschäftigte, formte Tolkien daraus eine in sich schlüssige Version, ohne sich in den philologischen Details zu verlieren, die er gleichwohl kannte.
Tolkien erzählt diesen Stoff neu: Zwei Langgedichte, die uns die Geschichte in ein modernes Sprachkostüm kleidet und in der er den Kampf gegen den Drachen Fafnir, der Verlobung mit Brynhild, der Hochzeit mit Gudrun, der Ermordung des Helden Sigurd und schließlich der Rache für seinen Tod.

Trotz der Lebendigkeit seiner Sprache ist es dem Übersetzer H.-U. Möhring letztlich nicht überzeugend gelungen, Rhythmus und Form der Stabreime mit der inhaltlichen Prägnanz der Verse zu übertragen. Eine gelungene Nachdichtung ist es allemal – nur das englische Original ist unübertreffbar. Nur gut, dass der Verlag beide Versionen präsentiert.

Und wann lesen wir endlich Tolkiens Legende von Kullervo, dem tragischen Helden aus den Gesängen 31 bis 36 der finnischen Kalevala, die er wahrscheinlich um 1914 geschrieben hat und der als Túrin in der Geschichte von den Kindern Húrins die Bühne der Quenta Silamarillion betritt?

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