Das Antlitz Chirons

Mythologische Reflexionen für Astrologen

Chirons Geburt, und damit seine soziale Identität, umweht ein Geheimnis, das die überlieferten Mythen nicht unmittelbar offenbaren. Liest man die Mythen oberflächlich und missversteht ihre symbolische Bildsprache, so erscheint Chiron in extremer Ambivalenz, in einer Spannung, die sich besonders in der Unterschiedlichkeit der griechischen und römischen Überlieferung äußert: Seiner Gestalt nach ist er ein Kentaur, wild, triebhaft, gewalttätig und unzivilisiert, ein abstoßendes Mischwesen; seinem Wesen nach ist er ein Gott, unsterblich, weise, ein Freund und Helfer der Menschen, auf jeden Fall aber von sanfterem Temperament als seine Artgenossen. Was Chiron von den anderen Kentauren unterscheidet ist, um einen psychoanalytischen Begriff zu verwenden, seine Fähigkeit zur Sublimierung.

Chirons Verletzung ist nicht irgendeine beliebige Wunde, denn sie wurde auf eine besondere Weise verursacht. Nachdem Herakles die lernäische Hydra, eine Repräsentantin des dunklen Aspekts der Erdgöttin, getötet hatte, tauchte er die Spitzen seiner Pfeile in das giftige Drachenblut. Versehentlich verletzte Herakles Chiron mit einem dieser Pfeile am Bein, wodurch dieser eine nicht heilende Wunde davontrug, die er allein seiner Unsterblichkeit wegen überlebte.

In der Reduzierung auf seine Verwundung lässt sich das Wesen des mythologischen Chirons jedenfalls nicht fassen, vor allem da so kaum nachvollziehbar ist, wie er, abgelehnt und zuletzt unheilbar verwundet, anderen und schließlich sich selbst zum Heiler werden konnte. Chiron ein Leidender und Klagender, der so lange mit seinem Schicksal hadert, bis ein an ihm schuldig gewordener Herakles, ein dem Zorn des Zeus ausgelieferter Prometheus, ihm die Lösung seiner ausweglosen Situation ermöglicht? Ist diese Vorstellung von einer Persönlichkeit, welche die größten Helden der griechischen Mythologie erzog, und der immerhin in der Lage war, Teiresias die Sehergabe und dem Phönix das Augenlicht zurückzugeben, nicht absurd?
Die mit Chiron verbundenen Helden der griechischen Mythologie, die unter dem Stigma der unheilbaren Wunde leiden, verbrachten Jahre ihres Lebens in der Abgeschiedenheit von Chirons Höhle an den Hängen des Pelion-Gebirges. Was im Innern dieser Höhle vor sich ging, gehört der esoterischen Dimension der Chiron-Mysterien an.

Copyright 2015. All Rights Reserved (Texte und Fotografien)

Der Essay Das Antlitz Chirons ist urheberrechtlich geschützt. Die Seiten und deren Inhalt dürfen nicht kopiert und nur zum privaten Gebrauch verwendet werden. Der Chiron-Text wurde erstmals auf meiner inzwischen eingestellten Website Vingilot – Beiträge zur Anthropologie veröffentlicht.
Jegliche unautorisierte gewerbliche Nutzung ist untersagt.

Advertisements
  1. Hinterlasse einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: