Tolkien Reloaded 3

J.R.R. Tolkien – The Fall of Arthur

foarth

Das Versepos The Fall of Arthur ist ein unvollendetes Gedicht J.R.R. Tolkiens, das Versmaß des altenglischen Beowulf imitierend, aber in modernem Englisch verfasst. 2013 hat Tolkiens Sohn Christopher dieses Gedicht postum herausgegeben. Es überliefert die letzten Tage aus dem Sagenkreis von Britanniens legendären Held, König Arthur. Atmosphärisch, in Form und Inhalt, wirkt das quasi-historische Setting des Gedichts mittelalterlich fiktiv.

In fast 1000, nach altenglischem Modell gebildeten, alliterierenden Versen, die in fünf Gesängen geordnet sind, erzählt Tolkien von den letzten Tagen des legendären Britenkönigs.
Wie schon zuvor in der Legende von Sigurd und Gudrún hat Christopher Tolkien auch diese Dichtung aus dem Nachlass seines Vaters mit Erläuterungen und einem Anhang zur altenglischen Dichtkunst versehen, der einen weiteren Vortrag J.R.R. Tolkiens zugänglich macht.
Christopher Tolkien schreibt in seinem Kommentar zu Arthurs Fall: It is well known that a prominent strain in my father’s poetry was his abiding love for the old ‚Northern‘ alliterative verse. In Sir Gawain and the Green Knight he displayed his skill in his rendering of the alliterative verse of the 14th century into the same metre in modern English. To these is now added his unfinished and unpublished poem The Fall of Arthur.

Synopsis

Von Arthurs militärischer Expedition nach Übersee in ein fernes heidnisches Land
Die 220 Verse des ersten Gesangs erzählen vom Aufbruch Arthurs und Gawains zu einem Feldzug im Osten, um das Reich gegen die einfallenden Sachsen zu verteidigen. Während des Feldzugs erfährt Arthur, dass Mordred, dem er seine Vertretung anvertraut hat, die Macht an sich gerissen hat. Um seine Position zu wahren, beschließt Arthur zurückzukehren.
Von Mordreds Charakter und der Flucht Guinevers aus Camelot
Die 213 Verse des zweiten Gesangs erzählen von Mordreds heimlicher Leidenschaft für Königin Guinever. Mordred, der von Arthurs Rückkehr hört, bricht nach Camelot auf, um Guinever vor die Wahl zu stellen, an seiner Seite zu herrschen oder ihm zu dienen. Guinever, die um Bedenkzeit bittet, flieht aus Camelot.
Von Lancelots quälenden Zweifeln in seinem französischen Exil
Die 228 Verse des dritten Gesangs erzählen von Lancelot, der wegen seiner Affäre mit der Königin die Tafelrunde verlassen musste. Rückblickend berichtet der dritte Gesang von Lancelots Schicksal, wie er die zum Tode verurteilte Königin befreit und wie die drei Brüder Gawains sterben. Der Königin wird verziehen und sie kehrt an den Hof zurück, während Lancelot ins Exil geht. Dort hört er von Mordreds Verrat und wartet vergeblich auf Arthurs oder Guinevers Ruf, sie gegen Mordred zu unterstützen.
Von der Seeschlacht und Arthurs Rückkehr nach Britannien
Die 230 Verse des vierten Gesangs schildern die erfolglose Verfolgung Guinevers durch Mordreds Männer. Mordred hat in der Zwischenzeit sein Heer aufgestellt um Arthurs Rückkehr zu verhindern. Angeführt von Gawain gelingt Arthurs Flotte die Landung.
Das Fragment
Der fünfte Gesang, der Arthurs Gefühle und Zweifel angesichts der bevorstehenden Schlacht thematisiert, bricht nach Vers 63 ab.

The Fall of Arthur stellt J.R.R. Tolkiens einziges Wagnis dar, sich lyrisch in der Welt der Legenden um König Arthur zu bewegen. Allerdings bewerkstellte er bei diesem Versuch die gelungendste und reifste seiner alliterierenden Versdichtungen, für die er das Modell der altenglischen Stabreime verwendete.
J.R.R. Tolkien wurde durch Geoffrey von Monmouths Historia regum Britanniae und Thomas Malorys Le Morte d’Arthur zu seinem Versepos inspiriert. In den letzten Tagen der Regentschaft Arthurs angesiedelt, erzählt Tolkien von dessen verzweifeltem Versuch, sein Reich von seinem abtrünnigen Sohn Mordred zurückzuerobern. In den eröffnenden Versen erleben wir Arthur und Gawain, die sich auf eine Schlacht vorbereiten. Es ist die Geschichte von einer finsteren Welt, von Rittern und Prinzessinnen, Schwertern und Zauberei, Queste und Verrat.
Auch Tolkiens Fall of Arthur präsentiert die großen Themen des literarischen Werks des Autors: den Verlust der Identität, Verrat, Opferbereitschaft, Heldenmut und Ruhm, die sich später im Herrn der Ringe wiederfinden. Trotz der thematischen Nähe ist The Fall of Arthur keine Sword And Sorcery oder High Epic Fantasy. Diese neue Versdichtung steht in engerer Beziehung zu den früheren altenglischen Studien Tolkiens, deren Echo auch in Sir Gawain and the Green Knight oder The Legend of Sigurd and Gudrún zu spüren ist.

Die Atmosphäre und die Versbildung der eröffnenden Zeilen legen von dieser Verwandtschaft Zeugnis ab:

Arthur eastward in arms purposed
his war to wage on the wild marches,
over seas sailing to Saxon lands,
from the Roman realm ruin defending.
Thus the tides of time to turn backward
and the heathen to humble, his hope urged him,
that with harrying ships they should hunt no more
on the shining shores and shallow waters
of South Britain, booty seeking
.

Tolkien hat sein Gedicht The Fall of Arthur Jahre vor dem Hobbit oder dem Herrn der Ringe verfasst. Dennoch, und das macht John Garth in seiner Buchbesprechung plausibel, ebnete dieses Gedicht den Weg zu Tolkiens späteren, populäreren Romanen. Wie die unheimlich bedrohlichen Ringgeister im Herrn der Ringe, so fegen auch Arthurs Ritter wie der Sturm durch Düsterwald (Mirkwood):

wan horsemen wild in windy clouds
grey and monstrous grimly riding
shadow-helmed to war, shapes disastrous.

Aber die Welt von Arthurs Sturz ist nicht Mittelerde, sondern Europa an der Schwelle zu dem dunkeln Zeitalter, das dem Niedergang des römischen Imperiums und dem Scheitern Arthurs in Britannien folgte. Arthur und Gawain stemmen sich in dem Gedicht in einem letzten, heroischen Versuch gegen die andrängenden Sachsen, um den politischen Status quo und die indigene Kultur der Britannier zu bewahren. Mirkwood, der düstere Wald, liegt nicht in Mittelerde, sondern in den östlichen Wäldern Deutschlands, ein Name, den Tolkien in den frühen 1930er Jahren für ein Kinderbuch, seinen Hobbit, adaptierte.

Hintergrund

J.R.R. Tolkiens Versdichtung The Fall of Arthur ist in mehreren Versionen erhalten geblieben, ohne dass ein Entstehungsdatum überliefert oder bekannt ist. Wann und warum Tolkien die Arbeit am fünften Gesang abbrach ist ebenfalls unbekannt. Dass Tolkien an diesem Projekt arbeitete, weiß man seit Humphrey Carpenters Tolkien-Biographie. Bereits Carpenter erwähnt das Gedicht und zitiert daraus sechs Verse. Dem 165. Brief in Humphrey Carpenters Ausgabe der Briefe Tolkiens lässt sich entnehmen, dass Tolkien Mitte der 1930er Jahre an dieser Dichtung arbeitete, da er in einem Brief vom 9. Dezember 1934 von R. W. Chamber aufgefordert wird, die Arbeit zu beenden.
In seiner Tolkien-Biographie erwähnt H. Carpenter die Existenz eines langen erzählenden Gedichts und kommentiert mit den Worten: […] it has alliteration but no rhyme [and] did not touch on the Grail but began an individual rendering of the Morte d’Arthur, in which the king and Gawain go to war in ‚Saxon lands‘ but are summoned home by news of Mordred’s treachery.
Carpenter zitiert eine kurze Passage des Gedichts um zu erläutern, dass es sich bei The Fall of Arthur um den einzigen Fall in Tolkiens Werk handelt, wo er sexueller Leidenschaft literarischen Raum einräumt, nämlich der ungestillten Leidenschaft Mordreds:

His bed was barren / there black phantoms
of desire unsated / and savage fury
in his brain had brooded / till bleak morning

Carpenter teilt auch mit, dass Tolkiens Weggefährten, E.V. Gordon und R.W. Chambers, The Fall of Arthur gekannt hätten, und dass Tolkien es in den 1930er Jahren des 20. Jahrhunderts verworfen hat. R.W. Chambers, Professor für Englische Sprache am University College in London und enger Freund Tolkiens, beschrieb in einem Brief (vom 09.12.1934), wie er auf einer Zugfahrt nach Cambridge The Fall of Arthur gelesen hat. Er lobt das Gedicht seines Freundes in höchsten Tönen: It is very great indeed […] really heroic, quite apart from its value in showing how the Beowulf metre can be used in modern English.‘ And he ended the letter ‚You simply must finish it.

The Fall of Arthur gehört in eine Reihe fragmentarischer, narrativer Gedichte und literarischer Projekte, die teilweise bereits in der History of Middle Earth publiziert sind: das unvollendete Gedicht über die Kinder Húrins, der dramatische Dialog The Homecoming of Beorhtnoth, inspiriert durch das altenglische Geicht The Battle of Maldon und die altnordisch inspirierten Versdichtungen The New Lay of the Völsungs und The New Lay of Gudrún. Wie Ch. Tolkien mitteilt, sprach sein Vater in einem Brief (Nr.165) aus dem Jahr 1967 von a thing I did many years ago when trying to learn the art of writing alliterative poetry. Aber auch Tolkiens früher Versuch der Kullervo-Dichtung gehört in diese Reihe.
In einem anderen Brief aus dem Jahr 1955, an seinen Verleger Houghton Mifflin, erwähnt Tolkien selbst dieses Gedicht und hofft, to finish a long poem on the fall of Arthur.
Obwohl Tolkiens Verleger Rayner Unwin bereits 1985 an eine Publikation gedacht hat, blieb das Werk zunächst unveröffentlicht. Erst Mitte 2012 kamen dann Gerüchte über ein bevorstehendes Erscheinen auf und im Mai 2013 erschienen eine britische und eine amerikanische Hardcover-Ausgabe des Buches. Die deutsche Übersetzung plant der Klett-Cotta-Verlag, nachzulesen in der Tolkien Times 2013: Neuer Schatz aus dem Nachlass! Die Artussage, für das Frühjahr 2014 unter dem Titel König Arthurs Fall.

J.R.R. Tolkiens begann seine Arbeit an The Fall of Arthur Jahre vor Der Hobbit. Wie die Herausgeber mitteilen ist seine Veröffentlichung nun die letzte einer Serie neuer Veröffentlichungen, die 2007 mit The Children of Húrin begann und 2009 mit The Legend of Sigurd and Gudrún fortgesetzt wurde.

Kritken und Kommentare

Tom Shippey, Professor Emeritus der St. Louis University und Honorary Research Fellow an der University von Winchester sowie dem Trinity College Dublin ist Autor verschiedener literaturwissenschaftlicher Analysen von Tolkiens Werk, unter anderem

  • Der Weg nach Mittelerde: Wie J.R.R. Tolkien „Der Herr der Ringe“ schuf (2006);
  • J. R. R. Tolkien. Autor des Jahrhunderts (2002).

In seiner Buchbesprechung von Arthurs Fall kommt Tom Shippey zu dem Schluss, dass Tolkien lange Zeit mit der alliterierenden Versbildungstechnik experimentierte. Stabreimdichtung, so Shippey, sei schwierig zu handhaben, leicht zu verderben und kompliziert im modernen Englisch zu komponieren.
In kurzen Gedichten hat J.R.R. Tolkien diese Technik letztlich gemeistert, wie die Beispiele im Herrn der Ringe zeigen. T. Shippey wundert sich besonders, dass, trotz Tolkiens akademischem Insistieren, es kaum zu ernsthaften, kritischen Kommentaren hinischtlich der charakteristischen Vorteile und Techniken der alliterierenden, alt- und mittelenglischen Versbildung gekommen ist. Das Studium der tolkienschen, stabreimenden erzählenden Gedichte schließt diese Lücke zum Teil.

Tom Shippey diskutiert in seiner Kritik die mittelalterlichen Quellen, auf die Tolkien für sein Versepos zurückgegriffen hat. Er beleuchtet außerdem Tolkiens Motive, dieses Gedichte zu schreiben. Wie immer bei Shippey ist es wieder ein Vergnügen, seinen Ausführungen zu folgen.
Tom Shippeys kritischen Kommentar, Tolkien’s King Arthur, veröffentlichte die Times Literary Supplement auf ihrer Website.

John Garth, der Autor des Buches Tolkien and the Great War. The Treshold of Middle-earth (2004), äußert sich hinsichtlich einzelner Verse des Fall of Arthur optimistisch: In The Fall of Arthur, Tolkien depicts Arthur going off to fight the Saxons in Mirkwood – not the Mirkwood of Middle-earth, but the great German forests. Whether it’s as good as the best by Tolkien will have to wait on the full publication, but snippets published so far are encouraging, showing him in darkly evocative mode writing about one of the great English villains, Mordred: ‚His bed was barren; there black phantoms / of desire unsated and savage fury / in his brain brooded till bleak morning.‘

John Garth hat sich ausführlich mit der Entwicklung der Silmarillion-Mythologie befasst. Er hat dabei ein gutes Gespür für die Parallelen zwischen dem Gedicht über Arthurs Fall und Tolkiens fiktiver Mythologie, an der er gleichzeitig arbeitete, entwickelt. Garth Kommentar ist scharfsinnig und sehr empfehlenswert.

Der Artikel von John Darth über J.R.R. Tolkiens The Fall of Arthur und sein Versuch, dieses Versepos in Tolkiens Gesamtwerk einzureihen, publizierte die US-amerikanische Website für Nachrichten und Meinungen, The Daily Beast, im Mai 2013: Tolkien’s Unfinished Epic: The Fall of Arthur.

Blogger Troels hat für den J.R.R. Tolkien and releted subjects-Blog Parma-kenta drei lesenswerte und umfangreiche Postings zu The Fall of Arthur zusammengestellt, die hier nicht unerwähnt bleiben sollen. Der erste seiner Blogs stellt eine Kritik des Gedichts dar, während der zweite Blog alle online verfügbaren Kommentare zusamenstellt. In seinem dritten Blog befasst sich Troels mit Tolkiens Sicht auf Guinever, den Beziehungen des Fall of Arthur zur Silmarillion-Mythologie und Tolkiens Auffassung von den Mängeln des arthurischen Zeitalters, von ihm in seinem Brief von 1951 an Milton Waldman formuliert:

The Fall of Arthur — A Review
Philosophizing on Fall of Arthur
The Fall of Arthur – a collection of reviews

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