G.R.R. Martins Lied von Eis und Feuer

Eine Vorbemerkung

Obwohl sich George R.R. Martin schon vor Jahren einen Namen im SiFi- und Fantasy-Genre gemacht hat, wurde ihm erst mit seinem epischen Roman Das Lied von Eis und Feuer der literarische Ritterschlag verliehen. Erst seit diesem, noch unvollendeten Werk nennt man seinen Namen in einem Atemzug mit Größen dieses Genres wie J.R.R. Tolkien, Robert E. Howard, H. P. Lovecraft, Stephen King, Robert Jordan oder J. K. Rowling.

G.R.R. Martin hat seine literarischen Erfahrungen in unterschiedlichen Bereichen gesammelt und eine beachtliche Karriere als Autor von Sience-Fiction-Romanen, Horrorerzählungen, Drehbüchern für Film- und TV-Produktionen sowie Herausgeber von SiFi- und Fantasy-Anthologien (die Wild Card– oder Warrior-Serie) durchlaufen, bevor er sich seit den frühen 1990ern ganz dem Fantasy-Genre zuwandte.

Mit With Morning Comes Mistfall, And Seven Times Never Kill Man, The Second Kind of Loneliness, The Storms of Windhaven und Override veröffentlichte G.R.R. Martin seit 1971 seine frühesten SiFi-Genreerzählungen. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang besonders seine bemerkenswerte Erzählung A Song for Lya mit der er 1974 seinen ersten Hugo Award gewann. Schon Ende der 1970er galt G.R.R. Martin als ein einflussreicher SiFi-Autor, der seine besten Erzählungen, wie Bitterblooms, The Stone City oder Starlady, bereits veröffentlicht hatte. Für Sandkings, eine beeindruckende SiFi-Anthologie, die diese Erzählungen erstmals gemeinsam versammelte, erhielt er 1980 den Nebula und Hugo Award und für The Way of Cross and Dragon im selben Jahr einen weiteren Hugo Award. G.R.R. Martin wurde in diesem Jahr der erste Autor, der zwei Hugos in einem Jahr für sich beanspruchen konnte. In den 1980er veröffentlichte er die komischen interstellaren Abenteuer von Haviland Tuf (später gemeinsam veröffentlich als Tuf Voyaging) sowie kleinere Arbeiten zu denen die Erzählungen Nightflyer und der Roman Dying of the Light zählen.

Als in den 1980ern Horrorgeschichten zunehmend en vogue wurden, kehrte G.R.R. Martin seiner Karriere als SiFi-Autor den Rücken und widmete sich einem für ihn neuen Genre der Phantastischen Literatur. Mitten im großen Horrorboom der 80er Jahre verfasste er seinen Roman Fevre Dream (1982), intelligent und spannend in einem lebensnahen historischen Milieu angesiedelt, den wohl besten modernen Vampir-Roman. 1983 folgte seine ambitionierte Rock ´n´ Roll-Apokalypse Armageddon Rag. Obwohl immer noch mit Kultstatus versehen, war Armageddon Rag kommerziell eine Enttäuschung und beendete G.R.R. Martins Karriere als Autor von Horrorerzählungen, obwohl er noch eine Zeit fortfuhr kleinere Arbeiten in diesem Genre zu veröffentlichen wie beispielsweise die Horrorerzählung The Pear-Shaped Man, für die er den Bram Stoker Award erhielt, oder seine Werwolferzählung The Skin Trade, der ihm einen World Fantasy Award einbrachte.
Obwohl die meisten seiner Erzähungen in dieser Schaffensperiode übernatürlichen Schrecken thematisieren, entstanden in dieser Zeit auch andere Texte, Hybride, die die Schnittstellen von SiFi und Fantasy ausloteten und beide Genre miteinander kombinierten. Die oben erwähnten Sandkings und Nightflyers sind charakteristische Beispiele für diese Arbeitsweise, und kaum eindeutig dem SiFi- oder Fantasy-Genre zuzuordnen.

Mit zunehmendem Desinteresse an Horrorerzählungen wandte sich G.R.R .Martin in den 80er Jahren Fernsehproduktionen zu. Mitte dieses Jahrzehnts schrieb er Drehbücher für die Twilight Zone-Serie und produzierte kurze Zeit später die populäre Fantasy-Serie Beauty and the Beast. In diesen Jahren unterhielt Martin wenig Kontakte zu den Printmedien. Dennoch gewann er 1985 einen weiteren Nebula Award für seine Erzählung Portraits of his Children. Im Verlauf der 1990er Jahre arbeitete er an der Herausgabe der fünfzehn Bände umfassenden Wild Cards-Anthologien, die nach siebenjähriger Pause inzwischen wieder aufgenommen wurden. Nach dem Misserfolg der Doorways-TV-Serie wandte er sich wieder ganz den Printmedien zu und veröffentlichte schließlich 1996 mit A Game of Thrones den ersten Band seines Fantasy-Epos A Song Of Ice And Fire, eines der am besten verkauften Genre-Bücher in diesem Jahr. Inzwischen liegt mit A Dance With Dragons, dem Schwesternband von A Feast For Crows, der fünfte Band der Serie vor, der 2011 veröffentlicht werden konnte.

Die mehrbändige Serie A Song Of Ice And Fire wurde von G.R.R. Martin ursprünglich als zwei aufeinanderfolgende Trilogien konzipiert, wobei die Grenze der beiden Trilogien zwischen A Storm Of Swords und A Feast Of Crows liegen sollte. Der Schreibprozess hat inzwischen in den Figuren ein Potential freigelegt, das die ursprüngliche narrative Struktur von innen heraus gespengt hat, sodass die Serie nun sieben Bände umfassen soll. Die Erzählung entwickelt sich aber während des Schreibens und es gibt keine Garantie, welche Entwicklungen die Figuren und welche Wendungen die Ereignisse zukünftig nehmen werden.
Die Frage, welches Genre für A Song Of Ice And Fire gewählt werden muss, ist nicht so leicht zu beantworten. Von Genrefantasy allein zu sprechen, dürfte missverständlich und zu kurz gegriffen sein. Vordergründig betrachtet gehört der mehrbändige Roman in die literarische Kategorie der epischen Fantasy.
Die Genrekategorie epic fantasy oder heroische epische Fantasy fasst Erzählungen zusammen, die im Rahmen einer fiktiven Welt ernsthafte Themen bearbeiten. G.R.R. Martin bezeichnet seine Erzählweise als eine Literatur der Vorstellungskraft. Wie gezeigt gibt es keine ernsthaften Schwierigkeiten ihn als einen Autor zu definieren, der sich zwischen Horror, SiFi und Fantasy bewegt. Im Gegensatz zur klassischen heroic fantasy, die nur einen Erzählstrang benutzt, steht die epic fantasy in der Tradition von Werken mit einer breiteren Perspektive und diversen Erzählsträngen. Begründet haben diese narrative Struktur Autoren wie J.R.R. Tolkien und Robert Jordan, die für die Produktion ihrer Texte auf die mittelalterliche Interlacement-Technik zurückgegriffen haben. A Song Of Ice And Fire überschreitet dabei virtuos alle Genregrenzen.

G.R.R. Martin schreibt Fantasygeschichten, die er in eine SiFi-Welt integriert. In einer anderen Perspektive steht A Song Of Ice And Fire mit seiner inhaltlichen Breite und seinen komplexen unterschiedlichen Erzählsträngen in der Tradition des historischen Romans. Anne McCaffreys bezieht sich mit ihrem Terminus fantistorical auf diese Verwandtschaft, der die Kombination historischer Gegenstände mit einer imaginären und fiktiven Welt verbindet.
Noch vor der Vollendung bewertet man G.R.R. Martins Epos A Song Of Ice And Fire als ein literarisches Werk von hohem Anspruch an die schriftstellerische Qualität, das seine Konkurrenten im Fantasygenre – abgesehen vielleicht von Erik Stevenson, R. Scott Bakker, Robin Hobb, J.V. Jones und Greg Keyses – hinter sich zurücklässt. A Song Of Ice And Fire ist Meilenstein der rezenten Fantasy-Literatur. Seit dem späten Erfolg von J.R.R. Tolkien in den späten 60er Jahren haben außer Terry Brooks mit seiner Shannara-Serie ab 1977, Stephen Donaldsons Chroniken von Thomas Covenant ab 1978, Raymond Feist Midkemia– und Kelewan-Serie ab 1982, David Edding Belgariad-Saga zwischen 1982-1984, Robert Jordans Rad der Zeit-Zyklus von 1991–2012, Robin Hobbs beide Weitseher-Trilogien ab 1995 und ihre Trilogie Die Zauberschiffe ab 1998 sowie Steven Erikson, Spiel der Götter ab 1999 nur wenige Fantasyautoren etwas Vergleichbares präsentiert.

Was befähigt einen Autor wie G.R.R. Martin in so unterschiedlichen Bereiches der Phantastischen Literatur seine Leser zu begeistern? Einerseits war er immer ein Autor romantischer Erzählungen. Minimalistische oder ironische, postmoderne Texte fanden nie sein Interesse. Seine Erzählungen zeichneten sich von Beginn an durch strukturierte Plots aus, die ihre Lebendigkeit aus emotional aufgeladenen Konflikten bezogen. Ein geborener Erzähler, wie Martin, zieht seine Leser von Beginn an in seine Welt und weigert sich, sie vor der letzten Seite wieder loszulassen. Er gibt seinen Lesern Abenteuer, Aktion, Konflikte und Romanzen: üppige, lebensnahe und menschlich nachvollziehbare Gefühle, Obsessionen, schicksalhafte Liebe, unauslöschlicher Hass, verzehrende Begierde, Pflichterfüllung noch angesichts des Todes und unerwarteter Humor. Und etwas Seltenes in SiFi und Fantasy, Abenteuer allein der Abenteuer wegen: Freude an fremden und farbenprächtigen, bizarren Pflanzen und Tieren, an exotischer Szenerie, seltsamen Landschaften, unbekannten Gebräuchen, fremden Kulturen und Menschen, getrieben von unbändiger Lust, nachzusehen, was sich hinter dem nächsten Hügel verbirgt, was in einer anderen, parallelen oder sekundären Welt passiert.

G.R.R. Martin steht in der alten Planet Stories-Tradition und in seinem erzählerischen Oeuvre finden sich Beeinflussungen besonders von Autoren wie Jack Vance, Leigh Brackett, aber auch Spuren von Poul Anderson oder Roger Zelazny. Inspiriert sind seine Erzählungen auch von Tad Williams, Drachenbeinthron-Zyklus (1989-1993), der ihn nach eigener Aussage dazu veranlasst haben soll, selbst epische Fantasy zu schreiben. Wenn es auch schwerer fällt, so lassen sich in seinem Werk auch Spuren von J.R.R. Tolkien, Fritz Leiber, Mervyn Peake und Lord Dunsany finden und deutliche Anlehnungen an die historischen Tragödien Shakespeares. Besonders Shakespeares Königsdramen um die englischen Rosenkriege von 1455 bis 1485 finden ihren Widerhall in Das Lied von Eis und Feuer sowie Martins Interesse an historischen Sachverhalten wie seine Vorliebe für historische Literatur und Geschichte zeigt.

In G.R.R. Martins Werk spielen Naturwissenschaft und Technologie eine nur untergeordnete Rolle. Vielmehr legt er seine narrativen Schwerpunkte auf Farbigkeit der Plots, auf Abenteuer und Exotismus, auf üppige Romantik, all dies in einem Universum, das bevölkert ist von außerirdischen Kulturen und menschlichen Gesellschaften, die sich isoliert in gegenseitiger Fremdheit entwickelt haben, und deren Konflikte und Dilemmata in ihrer kulturellen Unvereinbarkeit bestehen, in der psychologischen Unverständlichkeit ihrer gegensätzlichen Werte und Motivationen.
Farbigkeit im Sinne von Vielfalt lautet der Terminus, der Martins Oeuvre am besten charakterisieren kann. Er nimmt seine Leser mit zu den ausgefallensten Orten der rezenten SiFi- und Fantasy-Literatur: in den Nebel auf Castle Cloud in Wraithworld, in die endlosen, windgepeitschten Grasländer der Dothraki Sea, in die kalten archaischen Labyrinthe von Stone City, in die tödlichen Ozeane von Namor, zur Abenddämmerung über den High Lakes von Kabaraijian und so weiter.

Das bedeutendste Element, das die Leser von G.R.R. Martins Texten so fasziniert, sind die Charaktere, die Menschen, die seinen Erzählungen Lebendigkeit verleihen. Martin hat eine enorme Gallerie von Protagonisten erschaffen: berührend und grotesk oder beides gleichzeitig, unübertroffen, reich in ihrer Ausdrucksweise und Variation an Charles Dickens erinnernd:

  • Damien Har Veris, der widersprüchliche und gequälte Inquisitor des militanten Ordens der Ritter Jesu Christi in The Way of Cross and Dragon und sein Vorgesetzter, der riesige, aquatische vierarmige Großinquisitor Torgathon Nine-Klariis Tun in der selben Erzählung;
  • Shawn, der verzweifelte Flüchtling in Bitterblooms, der vor Eiswölfen und Vampiren durch eine trostlose Landschaft ewigen Winters flieht, einer befremdlicheren und raffinierteren Gefahr entgegen;
  • Tyrion Lannister, der machiavellistische Zwerg, der in A Clash of Kings das Schicksal von Nationen in der Hand hält;
  • der besessene und rücksichtslose Spieler Simon Kress in Sandkings;
  • der schwermütige Geist in Remembering Melody;
  • der groteske, gruselige, aber unvergessliche Pear-Shaped Man in der gleichnamigen Erzählung;
  • Lya und Robb, die verfluchten telepathischen Liebenden in A Song for Lya;
  • der neurotische, aber kluge ökologische Ingenieur, der Albino Haviland Tuf, mit der Macht eines Gottes zu seiner Verfügung, in den Erzählungen, die in Tuf Voyaging versammelt sind;
  • Daenerys Sturmtochter, Erbe von Königen und Khaleesi eines Khalasars der Dothraki-Pferdeherren, auf dem Weg ihrem Schicksal als Mutter der Drachen zu begegnen . . .
  • . . . und Dutzend anderer.

Und nicht zu vergessen die Protagonisten in The Heirs Of Turtle Castle unter denen die Liebesgeschichte The Lonely Songs Of Laren Darr die anrührendste ist. In dieser erzählt Martin von dem einsam und voller Sehnsucht allein in seiner Burg residierende Laren Darr, der dem durch  Universen vagabundieren Mädchen Sharra begegnet, das zufällig und hingebungsvoll Laren Darrs Sehnsucht weckt und unerfüllt zurücklässt, da niemand der beiden sich auf die Welt, Wünsche und Absichten des anderen einlassen will.

Seine Sorge um das Schicksal seiner Protagonisten, seiner Helden aber auch seiner Schurken, trägt maßgeblich zu G.R.R. Martins Beliebtheit bei. Diese Komplexität und Ambivalenz von Figuren und Handlungssträngen, gesteigert noch einmal in A Song Of Ice And Fire, sprengt alle Grenzen herkömmlicher Fantasy. In diesem epischen Roman ist es dem Autor gelungen, die traditionellen Erzählformen der Fantasy aufzulösen, was es ihm ermöglicht, die Menschlichkeit seiner Protagonisten zu intensivieren. Dennoch hält er in diesem kreativen Prozess beharrlich an den eingeführten narrativen Formen und Plotstrukturen der Fantasy fest. Moralität, wohl das prominenteste erzählerische Motiv in A Song Of Ice And Fire, hängt, das zeigt Martin ganz konsequent durch alle Handlungsstränge hindurch, von der jeweiligen Perspektive ab. Dieses Thema verbindet die Realität des Lesers mit der fiktiven Welt eines G.R.R. Martin und mit dieser Herausforderung müssen sich nicht allein seine Protagonisten, sondern auch seine Leser täglich auseinandersetzen.

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