Der Abstieg in die Unterwelt

Der Olympier Pluto ist Herrscher über eine ganz besondere Unterwelt, die Innenwelt der menschlichen Psyche. Zwangsläufig repräsentiert Pluto deshalb auch den Schatten, den Doppelgänger, das abgelehnte Böse, für das Goethe den Namen Mephistopheles fand, und der zuletzt nichts anderes ist als Fausts leidenschaftliches Streben nach Selbstverwirklichung und Verwandlung seines Selbst. All die verleugneten, deshalb aber nicht unbedingt minderwertigen Anteile einer Persönlichkeit, archaische Einstellungen von mitunter gewalttätiger psychischer Energetik, unterliegen dem Einfluss Plutos, mit anderen Worten: die Abgründe der menschlichen Seele. Pluto besitzt eine unmittelbare Assoziation zum Dämonischen. Er wird – wie die Mythologie zeigt – eher mit dem Unterweltlichen (Hades, Hölle) als mit dem himmlischen Elysium verbunden wo sein Bruder Jupiter und die anderen Olympier herrschen. Zwang, Unterdrückung, Missbrauch, Besessenheit und Manipulation sind Aspekte der dunklen Seite Plutos, Transformation, Erneuerung und Wiedergeburt dienen seinem schöpferischen Aspekt.

Die plutonischen Energien – Wille, Macht, Leidenschaft, Kontrolle, Suggestion und Manipulation – sind nicht nur schöpferisch und nicht nur zerstörerisch, sondern das eine durch das andere und nur im Zusammenhang mit menschlichen Motiven und Intentionen; seiner kaum kontrollierbaren Dynamik überlässt man sich am besten gelassen und akzeptierend, da ihrem Einbruch in biographisches Ringen nichts entgegengesetzt werden kann.
In der religiösen Ekstase antiker Mysterien stand die Deifikation des Mysten im Mittelpunkt der Riten, von denen Hippolytos sagte, Das ist das »Erkenne dich selbst«. Und in der Skorpion-Phase des Tierkreises strebt der Mensch zuallererst danach, sich selbst zu erkennen.

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Der Essay Der Abstieg in die Unterwelt ist urheberrechtlich geschützt. Die Seiten und deren Inhalt dürfen nicht kopiert und nur zum privaten Gebrauch verwendet werden. Der Lichträger-Text wurde erstmals auf meiner inzwischen eingestellten Website Vingilot – Beiträge zur Anthropologie veröffentlicht. Jegliche unautorisierte gewerbliche Nutzung ist untersagt.

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