Archiv für die Kategorie Mythologie

Odysseus, Kassandra und der Heilige Geist

Die Psychologie in der Mythologie der Antike

Die Welt der griechischen Antike und eines großen Teils außereuropäischer Kulturen ist unberechenbar von ergreifenden Atmosphären durchzogen. Diesem Gedanken zu folgen dienen die mythischen Protagonisten Odysseus und Kassandra. Meine Studie Odysseus, Kassandra und der Heilige Geist greift die Thematik dieser leiblich spürbaren Atmosphären auf, deren Autorität, wie Hermann Schmitz es nennt, für jeden den Gipfel unbedingten Ernstes erreicht. Der Gipfel des unbedingten Ernstes ist die beinahe charismatische Autorität des Göttlichen, der der sich der Mensch, trotz seines Vermögens sich zu distanzieren und Kritik zu üben, bewusst unterwirft.

Den Menschen ergreifende Gefühle können folglich als bestimmte Personen, als Götter, in Erscheinung treten. Zu bestimmten Zeiten, an bestimmten Orten und in bestimmten Situationen werden quasi in der Luft liegende Atmosphären als Gefühle erfahren. In der Auseinandersetzung des Menschen mit diesen Atmosphären können sich diese zu Personen verdichten. Das Numinose, das Rudolf Otto beschrieben hat, ist eine solche göttliche Atmosphäre für jeden, dem sie widerfährt und zugleich ein typisches Vorgefühl der göttlichen Gefühle in ihrer unermesslichen Vielgestaltigkeit.

Unverkennbar in der Flut der Fantasy- und Science Fiction-Literatur oder in zahlreichen Computerspielen, die ihre Inspiration eindeutig der Mythologie verdanken, zeigt sich ein unstillbarer Hunger nach Bildern und Symbolen, die die Sinndiskussion der rezenten westlichen Kulturen schon lange nicht mehr befriedigen kann. Die moderne kapitalistische Ethik mit ihrer einseitig rationalistischen Weltauffassung, der der moderne Mensch unterworfen ist, hat inzwischen dazu geführt, dass diesem kaum noch eigene Bilder aus dem Unbewussten entgegenwachsen. Programmiertes Heldentum ist gefragt, damit berechenbare und vorausplanbare Identifikationen entstehen können, die, medial gesteuert, zu normiertem Erleben und Erfahren führen. Ein reduziertes Angebot an Geschichten und Bildern, die die aus dem kindlichen Unbewussten strömenden Symbole individuell mit Leben erfüllen, und dem heranreifenden Menschen eine angemessene Realitätsprüfung erlauben, steht eine wachsende Flut von medial konstruiertem Bildmaterial gegenüber, das jegliche Phantasie im Keim erstickt.

Sache des Mythos ist die Darstellung, ein Hörbarmachen atmosphärischer Qualitäten. Mythos ist Aussage, ist verlässlicher Bericht über das im Atmosphärischen Gespürte, Erblickte und Gehörte, das räumlich ausgegossen in die menschliche Erfahrung hereinbricht. Mythische Erzählungen sind immer ein hinweisendes Sprechen, ein Sprechen, das helfen soll, in der Wirklichkeit einen bestimmten Gott als solchen zu erkennen, deshalb wird erzählt, wie er anderen begegnet ist.

Mythen beruhen auf der Erfahrung der Wirkung göttlicher Kräfte auf den Menschen, und auf der Nutzbarmachung der damit verbundenen Energien durch ihn. Sie zeugen vom Gespräch mit den Göttern. Begegnungen dieser Art erlebt der Mensch als emotional ergreifend und numinos; die Auseinandersetzung mit seiner Ergriffenheit führt den sinnsuchenden Menschen zur mythischen Gestaltung und unterscheidet diese von rein dichterischer Phantasie und Fiktion. Das hinweisende Sprechen der Mythen hat allerdings konjunktivischen Charakter – es verweist allein auf die jeweils mögliche eigene Erfahrung mit dem Göttlichen. Nur gemessen an solchen Erfahrungen gewinnen mythische Erzählungen sinn- und identitätsstiftende Glaubwürdigkeit und Legitimität, stabilisieren sie die Weltanschauung einer Gemeinschaft. Den Mythos richtig aufgefasst bedeutet allerdings das Zugeständnis, dass die Götter Voraussetzung, nicht nur Gegenstand der mythischen Rede sind. Übersinnliche Erfahrungen müssen erst gemacht werden, Göttern muss man erst begegnen, bevor von ihnen erzählt werden kann. Der Mythos endet da, wo unmittelbare atmosphärische Erfahrungen nicht mehr stattfinden, wo eine dogmatische Theologie nach dem An-Sich-Sein mythischer Protagonisten fragt, wo starre Theorie an die Stelle dynamischer Erfahrung tritt.

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Literatur und Mythologie

Die Studie Literatur und Mythologie geht der Frage nach, warum es sich bei der altgermanischen Mythologie, in der Form, in der sie uns heute vorliegt, um fiktive Literatur handelt, deren Inhalte inzwischen durch so viele schreibende Hände gegangen sind, dass von ihren ursprünglichen Gehalt nur noch Fragmente übrig geblieben sind, die ihre archetypischen Motive weiter ausstrahlen. Immer noch besitzen die durchschimmernden Mythenreste die Ausstrahlung und Faszination, die ihre Schöpfer einst in ihnen verwoben haben.

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Der Abstieg in die Unterwelt

Der Olympier Pluto ist Herrscher über eine ganz besondere Unterwelt, die Innenwelt der menschlichen Psyche. Zwangsläufig repräsentiert Pluto deshalb auch den Schatten, den Doppelgänger, das abgelehnte Böse, für das Goethe den Namen Mephistopheles fand, und der zuletzt nichts anderes ist als Fausts leidenschaftliches Streben nach Selbstverwirklichung und Verwandlung seines Selbst. All die verleugneten, deshalb aber nicht unbedingt minderwertigen Anteile einer Persönlichkeit, archaische Einstellungen von mitunter gewalttätiger psychischer Energetik, unterliegen dem Einfluss Plutos, mit anderen Worten: die Abgründe der menschlichen Seele. Pluto besitzt eine unmittelbare Assoziation zum Dämonischen. Er wird – wie die Mythologie zeigt – eher mit dem Unterweltlichen (Hades, Hölle) als mit dem himmlischen Elysium verbunden wo sein Bruder Jupiter und die anderen Olympier herrschen. Zwang, Unterdrückung, Missbrauch, Besessenheit und Manipulation sind Aspekte der dunklen Seite Plutos, Transformation, Erneuerung und Wiedergeburt dienen seinem schöpferischen Aspekt.

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Lichtträger in dunkler Zeit

Die Astrologie entstand, nachweisbar vor 5000 Jahren im Zweistromland, als eine Weltanschauung vom harmonischen Zusammenwirken von Himmel, Erde und Mensch, verbunden in einer gemeinsamen Ordnung. Gemäß der astrologischen Theorie ist der Mensch solcherart in kosmische Prozesse integriert, dass er sich durch die symbolische Klassifikation der Planeten und Tierkreiszeichen ein Bilderbuch der menschlichen Seele (W. Knappich) geschaffen hat, Archetypen (C.G. Jung) oder Wesenkräfte (Th. Ring) als dynamische Ur-Prinzipien. Auf diese Weise korreliert seine innerpsychische Befindlichkeit mit den Funktionen und Prinzipien des Universums, entsteht in seinem Leben Sinn und Zusammenhang: Mikro- und Makrokosmos in Entsprechung und Ergänzung. Diesen Gedanken nachzuspüren und die mythologische Denkweise dem westlichen Rationalismus wieder nahe zu bringen, ist ein lohnendes Ziel.

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Das Antlitz Chirons

Mythologische Reflexionen für Astrologen

Chirons Geburt, und damit seine soziale Identität, umweht ein Geheimnis, das die überlieferten Mythen nicht unmittelbar offenbaren. Liest man die Mythen oberflächlich und missversteht ihre symbolische Bildsprache, so erscheint Chiron in extremer Ambivalenz, in einer Spannung, die sich besonders in der Unterschiedlichkeit der griechischen und römischen Überlieferung äußert: Seiner Gestalt nach ist er ein Kentaur, wild, triebhaft, gewalttätig und unzivilisiert, ein abstoßendes Mischwesen; seinem Wesen nach ist er ein Gott, unsterblich, weise, ein Freund und Helfer der Menschen, auf jeden Fall aber von sanfterem Temperament als seine Artgenossen. Was Chiron von den anderen Kentauren unterscheidet ist, um einen psychoanalytischen Begriff zu verwenden, seine Fähigkeit zur Sublimierung.

Chirons Verletzung ist nicht irgendeine beliebige Wunde, denn sie wurde auf eine besondere Weise verursacht. Nachdem Herakles die lernäische Hydra, eine Repräsentantin des dunklen Aspekts der Erdgöttin, getötet hatte, tauchte er die Spitzen seiner Pfeile in das giftige Drachenblut. Versehentlich verletzte Herakles Chiron mit einem dieser Pfeile am Bein, wodurch dieser eine nicht heilende Wunde davontrug, die er allein seiner Unsterblichkeit wegen überlebte.

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