Kote und Kvothe

Anmerkungen

[1] Robin Hobb, Der Weitseher, München, 2009; (engl.Org. The Farseer 1: Assassin´s Apprentice, New York, 1995).

[2] Hobb, Weitseher, Bd.1, 9.

[3] Patrick Rothfuss, Der Name des Windes. Die Königsmörder-Chronik, Erster Tag, Kindle Ebook, Stuttgart, 2008 (engl. Org. The Name of the Wind. The Kingkiller Chronicle: Day One, New York, 2007). Im weiteren zitiert als NdW.Kapitel, Seite. Patrick Rothfuss, Die Furcht des Weisen. Die Königsmörder-Chronik, Zweiter Tag, Teil 1, Kindle Ebook, Stuttgart, 2011 (eng.Org. The Wise Man´s Fear. The Kingkiller Chronicle: Day Two, New York, 2011). Im weiteren zitiert als FdW.Kapitel, Seite. Zitiert nach NdW.7, 74 sowie 77-79.

[4] FdW.6, Pos.1872.

[5] Märchen von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen. In: Kinder- und Hausmärchen gesammelt durch die Brüder Grimm, Frankfurt a.M., 1981:49.

[6] This motif is an literary structural device in which several simultaneous themes are inter-woven into a large narrative, akin to the intricate knot so charakteristic of early Anglo-Saxon art. In its literary application this technique allows for seperate but interrelated plot disgressions and presents the writer with oppertunities for the simultaneous development of a multiplicty of charakters, a varitey of view-points and themes and a range of landscapes (Heather Attrill, A Web Of Words. Pattern And Meaning in Robert Jordan´s The Wheel of Time, Kindle Ebook, 2012:S.9;Pos.320). Interlacement bedeutet: Alles ereignet sich gleichzeitg. No part of the narrative can be removed without damage to the whole, for within any given section there are echoes of previous parts and anticipations of later ones. […] Moreover, though events are in flux there is a pattern underlying them […] intelaced narrative usually assigns numerous causes for any event thereby reflecting the complex interrelatedness we actually see in life (Richard West, The Interlace an Professor Tolkien: Medieval Narrative Technique in the Lord of the Rings, A Paper Read at the U.W. Tolkien Society April 17, 1967, Orcrist, Annual Bulletin of the University of Wisconsin J.R.R. Tolkien Society, 1.1, 19-31 1966-67:78-80).

[7] Unter point of view versteht die Literaturwissenschaft eine narrative Position, aus der eine Geschichte erzählt wird. Obwohl viele Positionen denkbar sind, verwenden Autoren der Fantasy mehrheitlich die dritte, und viel seltener, die erste grammatische Person.

[8] Der auktoriale Erzähler ist ein allwissender Erzähler, der aus einem außerhalb der Erzählung existierenden Blickwinkel – einer allumfassenden Metaperspektive – erzählt. Für die narrative Beziehung des verdoppelten Point-Of-View Kote – Kvothe bedeutet das, dass Kote bereits alles das weiß, was Kvothe noch erleben wird.

[9] Den personalen oder figuralen Erzähler nennt Henry James eine Reflektorfigur, das heißt der Leser erlebt die fiktive Wirklichkeit, wie sie sich im Bewusstsein des Protagonisten spiegelt. Er erlebt, was der Protagonist gegenwärtig erlebt, und fühlt sich dabei so, als ob er durch dessen Augen sieht oder sich auf dessen Schulter niedergelassen hat. In P.Rothfuß Roman ist nur Kothe eine Reflektorfigur, während Kote ein auktorialer Erzähler ist.

[10] Wie der personale Erzähler ist auch der Ich-Erzähler in der Erzählung anwesend. Wie die Reflektorfigur ist er Erlebender und Zeuge der Ereignisse, der sich aber selbst zum Gegenstand der Erzählung macht. Durch die Anwesenheit eines Ich-Erzählers erhält die fiktionale Wirklichkeit einen subjektiven Bezugspunkt. Dieser Fokus liegt innerhalb der Erzählung, da in der Person des Ich-Erzählers erzählendes Ich und erlebendes Ich fließend ineinander übergehen, obwohl der Erzählvorgang durchaus auktoriale Passagen durchlaufen kann. Ein Ich-Erzähler berichtet immer aus der Innenperspektive seines subjektiv-affektiven Betroffenseins. Auf diese Weise garantiert die Ich-Erzählsituation eine starke Authentizität, häufig zu Lasten der Empathie für andere Figuren, da sie die Innenperspektive des Ich-Erzählers dominiert.

[11] Goethe hat diesen Standpunkt in seinem Bildungsroman Wilhelm Meister vertreten, in dem er eine keimhaft angelegte Entelechie propagierte, und Individuation und Selbstverwirklichung als geprägte Form, die lebend sich entwickelt, verstand. Weder in Goethes Wilhelm Meister noch bei Rothfuss` Charakter Kvothe, das ist wichtig festzuhalten, geht es um die Entwicklung der Figur zu gesellschaftlicher Lebenstüchtigkeit.

[12] Es war Felling-Abend, und die üblich Runde hatte sich im Wirtshaus zum Wegstein eingefunden. Fünf Männer waren keine große Runde, aber mehr kamen dieser Tage selten ins Wirtshaus, da die Zeiten nun einmal so waren, wie sie waren. Der alte Cob ging ganz in seiner Rolle des Geschichtenerzählers und Ratgebers in allen Lebenslagen auf (Rothfuss, NdW.1, 13).

[13] Die Rahmenerzählung endet zum ersten Mal in NdW.7, 78. Dort behauptet Kote, ganz von sich selbst überzeugt: […] »Laßt uns rasch zu der einzigen Geschichte kommen, die wirklich von Belang ist« (NdW.7, 77). An einer anderen Stelle reflektiert der Erzähler: Wenn diese Geschichte so etwas wie das Buch meiner Taten werden soll, müssen wir ganz am Anfang beginnen (NdW.8, 80).

[14] In der Tradition der deutschsprachigen Erzähltheorie heißt die eingelassene Erzählung Binnenerzählung, die Erzählung, in die sie eingelassen ist, Rahmenerzählung. Die Metapher der Rahmung ist dem Effekt entliehen, den Gemälde in einem Rahmen haben (Silke Lahn und Jan Christoph Meister, Einführung in die Erzähltextanalyse, Stuttgart, 2013:79). Alternativ spricht man auch vom inkludierten Erzählen.

[15] Der dritte Band der Königsmörder-Chronik, Kvothes dritter Erzähltag, ist mit dem Titel The Doors of Stone noch ohne Publikationsdatum angekündigt.

[16] Die Erzähler der Rahmen- und Binnenerzählung in NdW sind sogenannte offene Erzähler (overt narrator). Der Erzähler des Prologs und Epilogs nimmt dagegen nicht wirklich eine Vermittlerfunktion wahr, da er als Person hinter seine Kommentare zurücktritt (covert narrator), die so den Eindruck unmittelbaren Erlebens machen. Je mehr ein Erzähler aber in den Hintergrund tritt, desto mehr wirkt der Erzähltext wie ein dramatischer Text, ein Phänomen, das Rothfuss in seiner lyrischen Metapher der dreifachen Stille bewusst einsetzt, um die emotionale Dichte und zunehmende Spannung seiner Vorrede sukzessiv zu steigern.

[17] Dieser dritte Erzähler repräsentiert eine weitere Erzählebene, die P. Rothfuss im Prolog und Epilog seiner beiden Romane nutzt. Rothfuss` ineinander verschachtelte Erzählebenen bilden ein mehrstufiges Inklusionsschema. In diesem Schema ist dieser dritte Erzähler ein extradiegetischer Erzähler, dessen Metaphorik der dreifachen Stille auf den intradiegetischen Erzähler Kote verweist, den er aber noch nicht namentlich nennt. Kote, der intradiegetische Erzähler repräsentiert eine Erzählung zweiter Stufe, hier Rahmenerzählung genannt, die sich einer auktorialen Erzählsituation bedient. Aus dieser weist er auf den dritten, den metadiegetischen Erzähler Kvothe hin, der als Ich-Erzähler seine Lebensgeschichte erzählt (für das von Rothfuss verwendete Inklusionsschema vgl. Gerard Genette, Die Erzählung, München,1998:250).

[18] Da Kvothe aber die einzige Figur ist, aus deren Perspektive erzählt wird, ließe sich darauf hinweisen, dass die Erzählsituation auch personal-figural aufgefasst werden kann, denn der Leser könnte meinen, der Erzähler habe sich auf die Figur Kvothe festgelegt, und erzähle aus dessen Blickwinkel und Erfahrungshorizont. Kvothes Erzählung ist aus der Innenperspektive gewonnen, dabei höchst authentisch, und mit der charakteristischen Eingeschränkung des Blickwinkels, sodass es angemessen erscheint, ihn als einen Erzähler zu bezeichnen, der auktorial-homodiegetisch erzählt. Das Auktoriale an Kvothes Erzählsituation ist der Sachverhalt, dass es dem Leser schwer fällt, darauf zu verzichten, sich selbst auf dem Schauplatz des Geschehens zu sehen, durch die Augen des Protagonisten zu schauent, sich vorzustellen, auf dessen Schulter zu sitzen. Die auktorialen Passagen des Romans dienen der Überleitung oder wichtigen Mitteilungen über das Geschehen oder die Figuren, die noch nicht erzählt wurden oder vorweggenommen werden müssen, um die Kohärenz der Erzählung zu garantieren.

[19] Über Kote wird in der Rahmenhandlung des Wirtshauses zum Wegstein auf der Ebene der Exegisis [die Ebene des Erzählens] im fiktionalen Jetzt berichtet. Kvothe, das erzählende und erlebende Ich wird auf der Ebene der Diegesis [die Ebene des Erzählten] im fiktionalen Damals zu der Hauptfigur unter vielen Nebenfiguren-

[20] Während der Verhandlung des Chronisten, Kvothes Biographie aufschreiben zu dürfen, gerät er unversehens in die Situation, zwischen Erzählen und Erleben zu unterscheiden: Das ist also der Unterschied zwischen dem Erzählen und dem Erleben einer Geschichte – die Angst (NdW.6, 68). Denn ohne dies beabsichtigt zu haben, gerät er plötzlich in Kvothes Welt, bleibt nicht länger außen stehender Beobachter, sondern wird mit-erlebendes, teilnehmendes Subjekt – eine Figur der Rahmenhandlung (vgl. beispielsweise NdW.88, 815ff sowie NdW.92, 849ff).

[21] Terminus Shlomith Rimmon-Kenan, Narrative fiction – contemporary poetics, London, New York, 2002:90. Homodiegese wir immer retrospektiv erzählt, hinsichtlich Kvothes Biographie ein zu Erzählbeginn noch nicht abgeschlossenes Geschehen, das sich im Verlauf des Erzählvorgangs weiter entwickelt (eingeschobenes Erzählen; intercalated narration; Terminus Rimmon-Kenan, S.91).

[22] Binnenhandlungen mit explikativer Funktion sind in der Regel Rückblicke (Analepsen), die homodiegetisch erzählt werden.

[23] »Ihr erwartet, dass ich euch meine Geschichte in einer einzigen Nacht erzähle? Ohne Zeit, um mich zu sammeln? Ohne Zeit, mich vorzubereiten?« […] »Ich brauche ganz gewiss etwas länger. Und heute abend hört ihr nichts davon. Eine richtige Geschichte braucht Vorbereitung.« […] »Ich brauche drei Tage», sagte Kote. »Da bin ich mir sicher« (Rothfuss, NdW.6, 70ff.).

[24] Allein Kotes Einschätzung, für seine Lebensgeschichte mehr als eine Nacht zu brauchen, lässt die Assoziation Tausendundeine Nacht zu.

[25] Maerchenalmanach für Söhne und Töchter gebildeter Stände auf das Jahr 1828. Die Novelle Das Wirtshaus im Spessartist die Rahmenerzählung des dritten Bandes von Wilhelm Hauffs Märchenalmanach. Hauffs Rahmenhandlung besteht aus der Gesellenwanderung des Goldschmieds Felix sowie einer darin integrierten Räubererzählung. Während seiner Wanderung kehrt der Goldschmied eines Abends zusammen mit einem Zirkelschmied, mit dem er unterwegs ist, in ein Gasthaus ein, in dem er auf einen Studenten und einen Fuhrmann trifft. Das Gasthaus befindet sich im Spessart, der berüchtigt ist für Raubüberfälle. Deshalb beschließen die Gäste im Wirtshaus erst gar nicht zu schlafen, um nicht ausgeraubt zu werden. Um wach zu bleiben, erzählen sich gegenseitig Geschichten, wie es auch Chaucers Reisende in den Canterbury Tales tun.

[26] Wilhelm Hauff, Märchen, Zweiter Band, Frankfurt a.M., 1978:16.

[27] Der bereits erwähnte Söldner, der unerwartet im Wirtshaus zum Wegstein erscheint, entführt zwar niemanden, sorgt aber mit seinem Auftritt für eine beängstigend-unheimliche Atmosphäre, und bedroht die Anwesenden mit dem Tod (Rothfuss, NdW.88, 816ff.).

[28] Schatten für Stille in den Waldungen der Hölle, in: Martin, G.R.R. und Gardner Dozois, Königin im Exil, Ebook München, 2015:-411-480.

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