Kote und Kvothe

Erzähltextanalyse der Königsmörder-Chronik von Patrick Rothfuss

Bei einer Chronik handelt es sich um eine Geschichts-Prosa, die historische Ereignisse in zeitlicher Reihenfolge geordnet darstellt. Chroniken reichen von knappen, reinen Datenlisten bis zu ausführlichen Schilderungen für einzelne Jahresereignisse und wie bei der Fantasy-Erzählung dieser Studie auch um individuelle Biographien mit Herkunfts- und Familienhintergrund. Nicht verschwiegen werden darf, dass Chroniken immer fiktive Texte sind, selbst so historisch bedeutende Texte wie die Germania oder die Annalen des Tacitus, die Angelsächischen Chroniken oder die Gesta Danorum des Saxo Grammaticus.
Eine berühmte Chronik der neueren Fantasy-Literatur ist der Lebensbericht von Fitz Chivalric Weitseher, [1] in der ein Ich-Erzähler seine Biographie mit der Geschichte der Weitseher-Dynastie und des Königreichs der sechs Provinzen verwebt. Robin Hobb bedient sich in ihrer Weitseher-Serie des Ich-Erzählers, Fitz Chivalric Weitseher, der seiner Lebensgeschichte einen Kommentar vorausschickt, in dem er auf seine besondere Herkunft hinweist.

Fitz beginnt seinen Lebenslauf in seinem sechsten Jahr, als ein kleiner, eltern- und heimatloser Junge von ungewisser Herkunft, der auf einem militärischen Stützpunkt abgegeben wird, geheimnisvoll umgeben von Gerüchten und Vermutungen, er sei der illegitime Sohn des Thronfolgers Prinz Chivalric:

Mein Blick in die Vergangenheit reicht bis zu meinem sechsten Lebensjahr zurück. Davor ist nichts, eine absolute Leere, die keine Anstrengung meines Bewusstseins je zu füllen vermochte – als hätte ich erst an jenem Tage in Mondesauge zu existieren begonnen. Doch an dem Zeitpunkt setzt die Erinnerung schlagartig ein, mit einer Schärfe und Deutlichkeit, die mich überwältigt, aber auch Zweifel weckt an ihrer Glaubwürdigkeit. Entstammen die Bilder meinem Gedächtnis oder den dutzendfachen Wiederholungen aus dem Mund von Mägden, Küchenjungen oder Stallburschen, die sich gegenseitig meine Anwesenheit erklärten? Vielleicht habe ich die Geschichte so gehört und von so vielen Seiten, daß ich sie für meinen ureigenen Besitz halte? [2]

Auch Kvothe, dem Ich-Erzähler in Name des Windes, ist es wichtig, dass seinen Leser sein besonderer Status, der bis in seine Kindheit zurückreicht, und seine Besonderheit markiert, bewusst ist, bevor er mit seiner Biographie beginnt:

Jeder Erzähler ist anders. Jeder möchte, dass man seine Geschichte nicht anrührt. Aber alle schätzen auch einen aufmerksamen Zuhörer. […] Laßt uns schnell zu der einzigen Geschichte kommen, die wirklich von Belang ist. […] Mein Name ist Kvothe. Namen sind wichtig, denn sie verraten einem viel über einen Menschen. Ich habe schon mehr getragen als ich rechtmäßig tragen dürfte. […] Ihr habt womöglich schon von mir gehört. [3]

Ein weiteres Motiv leitet häufig die Charakteristik besonderer Protagonisten in den Erzählungen ein, wie im folgenden Beispiel die von Kvothe:

Euch mag das nicht ungewöhnlich erscheinen, ich aber fand es seltsam. Während ich bei den Edema Ruh aufwuchs, war mein Zuhause nie ein bestimmter Ort gewesen. Mein Zuhause war eine Wagenkolonne und bestimmte Lieder am Lagerfeuer. Als meine Truppe ermordet wurde, verlor ich mehr als meine Eltern und Kindheitsfreunde. Es war, als wäre meine ganze Welt bis auf die Grundfesten niedergebrannt. […] In mancher Hinsicht war es tröstlich, aber der Edema Ruh in mir blieb rastlos und sträubte sich gegen den Gedanken, irgendwo Wurzeln zu schlagen. [4]

Das Mythologem und Märchenmotiv des verlorenen Sohnes oder des ausgesetzten Prinzen ist universell; es scheint auch archaisch zu sein. In der Bibel tritt er schon früh in der Gestalt des Moses auf, im altenglischen Versepos Beowulf als Scyld Scefing (Sceaf), der einer der illegitimen Söhne Óðinns sein soll. Beide wurden als Kind in einem Boot ausgesetzt, und schon sehr früh und aus eigener Kraft die Persönlichkeiten, als die sie in der Mythologie ihrer Platz behaupten. In den Märchen kommt diese Figur als Dummling, Tor oder jüngster Sohn vor, der erst nach schwierigen Prüfungen und Herausforderungen seine Identität entfaltet, und schließlich zu sich selbst findet. Die Großen Arkana des Tarot fassen diesen Archetypus im Bild des Narren zusammen.

Ein Vater hatte zwei Söhne, davon war der älteste gescheit und wußte sich in alles wohl zu schicken, der jüngste aber war dumm, und wußte nichts zu begreifen und lernen: und wenn ihn die Leute sahen, sprachen sie: »mit dem wird der Vater noch seine Last haben! [5]

Wenn es sich auch mit der Herkunft von Kvothes etwas anders verhält, vereint ihn doch seine Entwurzelung nach dem Mord an seinen Eltern mit Fitz und den anderen, zahlreichen eltern- und heimatlosen Helden, die seit jeher durch die Erzählungen der Fantasy-Literatur streifen. Patrick Rothfuss erzählt Kvothes Lebensgeschichte in direkter Anlehnung an die beiden Weitseher-Trilogien von Robin Hobb als eine individuelle Biographie.

Erzähler, Erzählebenen und Erzählsituation

Seit den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts wurde es zunehmend üblich, dass erfolgreiche Fantasy-Autoren ein strukturelles, narratives Mittel wieder verwendeten, das Erzähler schon im Mittelalter entwickelt hatten – die Technik des Interlacement (entrelacement). [6] In die moderne Fantasy-Literatur eingeführt haben diese Technik insbesondere Autoren wie J.R.R. Tolkien für sein epochales Werk The Lord of The Rings sowie in dessen Nachfolge Robert Jordan in The Wheel of Time. Im Gegensatz zu den Erzählungen der klassischen, heroischen Fantasy sowie der Sword-&-Sorcery-Tradition, in denen die Erzählung mehrheitlich einem linear-progressiven Plot folgt, auf dem sich die Protagonisten wie auf einem Zeitstrahl bewegen, orientiert sich die epische Fantasy heute an der Tradition von Werken mit einer breiteren Perspektive und komplexen, mehrere parallele Erzählstränge bündelnde Plots.
Zuletzt hat G.R.R. Martin diese literarischen Instrumente in A Song Of Ice And Fire virtuos erneut vorgeführt, und für sein Interlacement-Konzept jeweils eigene, perfekt korrespondierende Point-of-View-Charaktere entwickelt. [7] Diese beiden narrativen Mittel markieren mittlerweile den Unterschied zwischen dem talentierten, kreativen Autor und dem vielgelesenen und publizistisch erfolgreichen Autor.
Dennoch schlägt Patrick Rothfuss in seinem mehrbändigen Debüt der Königsmörder-Chronik einen anderen Weg ein, den er allerdings nicht als erster ging. Der Plot, den Rothfuss für seine beiden bereits vorliegenden Bände, Der Name des Windes und Die Furcht des Weisen, verwendet ist nicht durchgängig linear-progressiv konstruiert. Kote, die Hauptfigur der Rahmenerzählung, erzählt in der Binnenerzählung sein Leben als Kvothe linear-regressiv. Er erzählt in der Retrospektive, berichtet über bereits Vergangenes, über schon Geschehenes, dies allerdings im Rahmen des linear-progressiven Plots der Rahmenerzählung, sodass unterschiedliche Erzählebenen entstehen. Außerdem existiert mit Kote und Kvothe auf beiden Erzählebenen nur eine einzige narrative Position (point of view), die aus zwei verschiedenen, zeitlichen Perspekiven erzählt, die als Rahmenhandlung (gegenwärtig) und Binnenerzählung (vergangen) die beiden narrativen Plots markiert: Kvothe-Früher versus Kote-Später.
Patrick Rothfuss hat sein, von der Kritik begeistert aufgenommenes Erstlingswerk in zwei ineinander verschachtelte Erzählebenen gegliedert. Epische Fantasy-Erzählungen, wie die seinen, verwenden traditionell nicht nur die Interlacemant-Technik, sondern werden im allgemeinen auch in der dritten Person (ER) und im Präteritum verfasst. In den meisten dieser Erzählungen gibt es, generell betrachtet, den personalen Erzähler [8] oder die auktoriale Erzählsituation. [9] Ein ICH-Erzähler [10] wie Kvothe, die Hauptfigur in Rothfuss` Roman, ist dagegen seltener, obwohl sein Roman auch diesbezüglich an Robin Hobbs Weitseher-Serie erinnert.
Die beiden bisher veröffentlichten Teile der Königsmörder-Chronik stehen in der Tradition eines Bildungs- und Erziehungsromans, in denen die magischen und künstlerischen Talente, die von der Hauptfigur Kote / Kvothe erst erworben werden müssen, den Fokus der Erzählung bilden. Die Entwicklung der Ereignisse lebt von den sukzessiven Veränderungen der sozialen Rolle und den inneren Konflikten des Protagonisten. Die äußere Handlung, in der diese eingebettet sind, konstruiert der Autor episodisch und dramatisch. Dabei liefern die einzelnen Episoden immer nur Auslöser und Impuls, die für die Entwicklung der Persönlichkeit Kvothes erforderlich sind. [11]

In dem einsam gelegenen Wirtshaus zum Wegstein treffen Menschen aufeinander, die sich abends beim Bier mit Passagen aus volkstümlichen Überlieferungen unterhalten. [12] Einer dieser Gäste, ein reisender Chronist, fordert Kote, den Besitzer des Wirtshauses auf, ihm seine Lebensgeschichte zu erzählen. [13] Zuerst zögerlich, willigt er schließlich ein, und diktiert dem Chronisten seine Biographie in die Feder.
Das Wirtshaus zum Wegstein ist der Ort. Die drei Hauptfiguren der ersten Erzählebene, der Rahmenerzählung, heißen Kote, der Wirt, sowie Bast, sein Schüler und ein wie zufällig eingetroffener Chronist. Die nur gelegentlich vorbeischauenden Gäste agieren als Statisten oder Beobachter. Sie geben den Intermezzi der Rahmenhandlung die authentische Alltäglichkeit und Farbigkeit, ohne die Kotes Lebensbericht ein schwarz-weißes Kammerspiel wäre, sorgen sie doch für dramatische Szenen und spannende Action im Hier und Jetzt der Erzählung.
Die Binnenerzählung des Romans überliefern als eine zweite Erzählebene Kvothes Erlebnisse, die von Tolkien eingeführte Strategie der Geschichte in der Geschichte. [14] In dem mittlerweile auf zwei Bände angewachsenem Werk dominiert die Binnenerzählung die Rahmenhandlung, die bis auf die wenigen Zwischenspiel (interlude) genannten, Kapitel den größten Teil des Romans ausmacht.

Patrick Rothfuss hat seine noch unvollendete Trilogie [15] als zwei ineinander verschachtelten Erzählebenen angelegt, sodass in den unterschiedlichen Erzählsituationen eine episodische Struktur vorherrscht. Jede Erzählebene verfügt über einen eigenen Erzähler, [16] sodass der Autor nicht den Erzähler wechselt, sondern die Erzählsituation. Eine besondere Raffinesse besteht auch darin, dass ein auktorialer Erzähler in der Rahmenerzählung indirekt über Kote, den Wirt des Gasthauses, berichtet, während Kvothe unmittelbar der Erzähler der Binnenerzählung ist. P. Rothfuss markiert diese personale Identität mit Namen, die sich nur geringfügig unterscheiden: Kote und Kvothe. Nur der persönliche Eigenname: kein weiterer Familien-, Abstammungs- oder Herkunftsname, obwohl Kote ausdrücklich auf die Bedeutung von Eigennamen hinweist. Mit seinen beiden Protagonisten führt der Autor außerdem eine zeitliche Tiefe in seine Erzählung ein, da Kote das narrative Jetzt, Kvothe das narrative Damals repräsentiert.

Im Prolog und im Epilog eines jeden Bandes kommentiert ein dritter Erzähler [17] eine Stimme aus dem Off, mit der Metapher der Dreifachen Stille die Atmosphäre des Orts der Erzählung sowie die psychische Befindlichkeit des Wirts. Die Erzählung der Rahmenhandlung ist Kote gewidmet, dem Gastwirt, der auf Anonymität Wert legt, und der sich angeblich in die Diaspora zurückgezogen hat, um zu sterben.
Konzentriert man sich auf die beiden prinzipiellen Erzählebenen, dann ist der Erzähler der Rahmenhandlung, der seine Figur Kote aus der Außenperspektive entwickelt, ein extradiegetischer Erzähler der ersten Ebene. Für den Leser ist dieser Erzähler, der in einer auktorialen Erzählsituation berichtet, deutlich präsent (ein ouvert narrator). Er informiert den Leser aus einem allwissenden Blickwinkel von außerhalb der Erzählung, über die Ereignisse, die sich im Wirtshaus zum Wegstein abspielen. Er nutzt dazu die dritte Person und das epische Präteritum. Für den Leser ist dieser Erzähler der Schöpfer der Geschichte, und er selbst bekommt den Eindruck, unmittelbar selbst Zeuge eines Geschehens zu sein, dass sich in seiner Gegenwart ereignet. Er blickt, wie Farah Mendlesohn es formuliert hat, dem Erzähler-Protagonisten über die Schulter.
Kvothe, der Ich-Erzähler der Binnenerzählung der zweiten Erzählebene, ist dagegen ein homodiegetischer Erzähler, da er als Ich-Erzähler in der Erzählung selbst anwesend ist. [18] Für die eigentliche Erzählung, die Lebensgeschichte Kvothes, ändert P. Rothfuss die Erzählerposition. Gelang es dem extradiegetischen Erzähler der Rahmenhandlung die Illusion so weit zu treiben, dass der Leser ihn vergisst, ist Kvothe, der Ich-Erzähler, dem Leser immer präsent, da er es selbst ist, der im fiktiven Jetzt von sich selbst im fiktiven Damals erzählt. Dass Kvothe ein gegenüber als Du ist, kann der Leser, trotz seines Mit-Gerissen-Werdens, nicht vergessen.
Das ER (Kote) des auktorialen Erzählers wechselt in der Binnenerzählung zum ICH (Kvothe) eines homodiegetischen Erzählers. Während der Erzähler der Rahmenerzählung noch über Kote nachdenkt und erzählt, verwandelt sich dieser zu Kvothe, dem Ich-Erzähler der Binnenerzählung, der retrospektiv aus seinem Leben berichtet. Das distanzierte ER wird zum betroffenen ICH, wodurch der doppelte Protagonist Individualität und Authentizität gewinnt. Als Ich-Erzähler ist Kvothe uneingeschränkt ego-zentriert, eine Qualität, die beim distanzierten Erzähler der Rahmenhandlung nur schwach ausgeprägt ist. In ansteigender Spannungkurve dominiert Kvothe zunehmend die Erzählung, sodass die Rahmenerzählung des auktorialen Erzählers im Sog der Binnenerzählung unwichtiger wird.
Trotz seiner homodiegetischen Innenperspektive bleibt das ICH der Binnenerzählung dazu in der Lage, sich empathisch auf seine Mitmenschen und Zeitgenossen einzulassen. Dies ist für einen Ich-Erzähler nicht selbstverständlich, was sich besonders deutlich an der Beziehung von Kvothe zu der von ihm verehrten Denna wird. Die auktoriale Innenperspektive, die Kvothe als Ich-Erzähler einnimmt, bewahrt ihn davor, in seiner subjektiven Betroffenheit einseitig und für die innere Befindlichkeit seiner Mit-Figuren unsensibel zu werden. P. Rothfuss ist es gelungen, seinen Ich-Erzähler sehr authentisch von innen heraus empfinden und berichten zu lassen.

Zwischen Kvothe als erzählendem Ich und Kvothe als erlebendem Ich besteht, wie bereits erwähnt, eine zeitliche Distanz, denn Kvothe erzählt im epischen Präteritum. [19] Was er dem Chronisten berichtet, sind Ereignisse aus seiner Vergangenheit, die nicht mehr zu Kvothes Gegenwart gehören. Als erzählendes Ich besitzt Kvothe im Text keine Erzählgegenwart, tritt als ein erzählendes Ich kaum in Erscheinung, und bleibt weitgehend im Hintergrund. Seine Präsens als Erzähler ist allenfalls marginal, da er sich weder durch Kommentare noch durch Allwissenheit auszeichnet.
Kvothe bleibt in seiner Lebensgeschichte auf sich selbst als erlebendes Ich bezogen. [20] Übergeordnete Informationen oder später erworbenes Wissen hält er in seinem Bericht zurück, weist darauf sogar des öfteren hin. Vereinzelt ergänzt der auktoriale Erzähler der Rahmenerzählung das eine oder andere Detail, das der Leser unbedingt wissen muss, das Kvothes Lebensbericht aber auslässt.
Kvothes Lebensgeschichte ist retrospektives Erzählen, da die berichteten Ereignisse vor der Gegenwart des Wirtshauses am Wegstein stattfanden, und Kote sie aus der rückschauenden Erinnerung dem Chronisten erzählt (ulterior narration). [21]
Patrick Rothfuss` Binnenerzählung erfüllt eine explikative Funktion für den Roman, liefert sie doch biographische Erklärungen dafür, welche Ereignisse im Leben des Protagonisten zu der aktuellen Situation – Kvothe als Kote und Wirt des Wirtshauses zum Wegstein – führten. Seine Rahmenerzählung bietet ihm als Autor eine Erzählklammer, die das ereignisreiche Kaleidoskop von Kvothes Biographie zusammenhält. Außerdem besteht zwischen Rahmen- und Binnenerzählung ein Kausalverhältnis im Sinne einer raumzeitlichen Kontinuität. [22]

Das Wirtshaus als Ort serieller Binnenerzählungen

Ganz anders konzipiert sind die additiven Verknüpfungen von seriellen Binnenerzählungen in berühmten Novellenzyklen wie Giovanni Boccaccios Il Decamerone, Goeffrey Chaucers The Canterbury Tales oder der Sammlung der morgenländischen Erzählungen Tausendundeine Nacht. Die wenigen Wirtshauskapitel von P. Rothfuss rahmen nur eine einzige Binnenerzählung, die aber von der Rahmenhandlung immer wieder unterbrochen wird, sodass der Eindruck einer seriellen Erzählung entstehen könnte. Gleichzeitig fordert Kote vom Chronisten drei Tage und legt damit den zeitlichen Rahmen für seinen Lebensbericht fest. [23] Da Kvothes Bericht sich an seinen biographischen Entwicklungsphasen – Kindheit, Jugend, Erwachsenenalter – orientiert, schildert er wie viel Zeit zwischen den Ereignissen und seinem Bericht inzwischen vergangen ist, legt so die zeitliche Erzähldistanz fest.

Obwohl immer wieder behauptet, Der Name des Windes sei in Anlehnung an Tausendundeine Nacht konzipiert, [24] stellt Wilhelm Hauffs Novelle Das Wirthaus im Spessart ein vergleichbareres Werk dar. Hauffs Novelle bildet die Rahmenerzählung in seinem Märchenalmanach. [25]Sie enthält vier Erzählungen, darunter auch sein Meisterwerk Das kalte Herz, die sich die Gäste im Wirtshaus erzählen, um den befürchteten Überfall der Räuber nicht zu verschlafen.
Wie Hauff vor ihm, hat Patrick Rothfuss ein Wirtshaus als Schauplatz gewählt, in dem sich seine Rahmenerzählung abspielt. Und mehr noch: Wie Hauff bewertet auch er das selbst Erlebte höher, als das gescheite Zitieren und Kommentieren, und erteilt einem Ich-Erzähler das Wort:

»Ja, ja, man hört so manches«, erwidert der Zirkelschmied, »dafür studieren Herren wie ihr fleißig in den Büchern, wo gar wundervolle Sachen geschrieben stehen; da wüßtet ihr noch Klügeres und Schöneres zu erzählen als ein schlichter Handwerksbursche wie unsereiner. Mich müßte alles trügen, oder ihr seit ein Student, ein Gelehrter.«
»Ein Gelehrter nicht«, lächelte der junge Herr, »wohl aber ein Student und will in den Ferien nach der Heimat reisen; doch was in unseren Büchern steht, eignet sich weniger zu erzählen, als was ihr hier und da gehört
.« [26]

Rothfuss´ Wirtshaus zum Wegstein ist ein weiteres fiktives Wirtshaus, das zum Ausgangspunkt einer Abenteuergeschichte wird. Wie Hauffs Spessart-Räuber die Gäste bedrohen, brechen die damönischen Söldner in die friedliche Stimmung von Kotes Wirtshauses ein. [27] Ich will nicht verschweigen, dass Brandon Sanderson neuerdings eine Kurzgeschichte veröffentlicht hat, in der ein ähnlich einsam gelegenes Gasthaus primärer Ort der Handlung ist, und ein unheimlicher Wald wie eine Binnenerzählung agiert. Diese andere Gastronomie wird von einer Frau geführt, deren mysteriöse Aura gleich bei der ersten Begegnung fasziniert, und deren doppelte Identität erst allmählich aufgeklärt wird. [28]

Copyright 2017. All Rights Reserved (Texte und Fotografien)

Kote und Kvothe ist urheberrechtlich geschützt. Die Seiten und deren Inhalt dürfen nicht kopiert und nur zum privaten Gebrauch verwendet werden. Jegliche unautorisierte gewerbliche Nutzung ist untersagt.

Advertisements

Pages: 1 2

  1. Hinterlasse einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: